Experteninterview mit Martina

Das Interview führte und protokollierte Frau Eva Genari, im August 2015. Frau Genari ist Pianistin und schrieb zu dieser Zeit an ihrer Masterarbeit 

... Um in Erfahrung zu bringen, wie ein solches Singangebot für Arbeitnehmer in der Wirklichkeit implementiert werden kann, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um mit einem derartigen Konzept erfolgreich zu sein, wie die Resonanz der Teilnehmer ist, welche Wirkungen erreicht werden können und welche Hürden dabei zu nehmen sind, habe ich ein Interview mit Martina M. Schuster von der ConAquila GmbH geführt. Frau Schuster studierte an der Uni München Betriebswirtschaftslehre und Psychologie. Sie war 12 Jahre in der Geschäftsführung eines international tätigen Unternehmens, ist von Kindesbeinen an Musikerin (Gesang, Klavier), absolvierte u. a. eine Ausbildung zur Musiktherapeutin, ist IHK zertifizierte Business Coachin, ausgebildet in Trance- / Hypnoseverfahren, EMDR, entwickelte das AuditiveCoaching©, Coaching mittels Gesang, Klang und Musik und absolvierte eine Fortbildung zur Singleiterin für „heilsames Singen“ bei Wolfgang Bossinger. Sie bietet seit 2014 verschiedene Angebote im Bereich des Singens mit Arbeitnehmern. Zu ihrem Angebot gehören:

  • Gemeinsames Singen als Incentive-Event im Rahmenprogramm größerer Unternehmensveranstaltungen für Gruppengrößen bis zu 200 Personen
  • Singen als Teambildung mit einzelnen Abteilungen bzw. Unternehmensbereichen mit Gruppen von 15-20 Personen
  • Regelmäßiges offenes Singen in Form der Business Singing Group

Für alle diese Formate bietet Martina M. Schuster, wie bereits bei der Beleuchtung der Marktsituation erwähnt, Fortbildungen zum/r SingleiterIn in Unternehmen an. Innerhalb dieser Fortbildung werden Methoden und Kompetenzen vermittelt, Arbeitnehmergruppen unter Berücksichtigung der jeweiligen Zielsetzung des Auftraggebers anzuleiten, für die jeweilige Gruppensituation passende Inhalte und Lieder zu wählen, mit Störfaktoren umzugehen, den Markt zu bearbeiten, sich als Unternehmer zu positionieren und die ersten Schritte der Akquise zu gehen.

 

Frau Schuster verfolgt mit ihrem Engagement im Bereich des Singens in Unternehmen das Ziel, die psychosoziale Gesundheit der Arbeitnehmer zu stärken und damit einen Teil zur betrieblichen Gesundheitsvorsorge zu leisten. Die Zielgruppe von ConAquila sind Unternehmen, die entweder als Ganzes oder aber in einzelnen Abteilungen das Business Singing wie quasi einen Betriebschor anbieten oder aber innerhalb eines Unternehmensbereiches eine Teambildung durchführen wollen.

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6.1 Zusammenfassung der Interviewergebnisse

 

Was sind aus Ihrer Sicht positive Wirkungen, die sich durch das gemeinsame Singen im besten Falle einstellen?

 

Wie bereits erwähnt schreibt Frau Schuster ihrem Angebot des Singens mit Unternehmen eine gesundheitsfördernde Wirkung zu. Sie stützt diese Annahme auf die in Kapitel 4.2 von Herrn Beck und Herrn Kreutz erhobenen Studien zur Wirkung des Singens auf das Immun- und Stresssystem von Menschen. Besonders betont die Unternehmerin die positiven Wirkungen des Stressabbaus durch Singen und die Förderung eines kooperativen Klimas unter Kollegen durch eine neu entstehende Vertrautheit, die gemeinschaftsfördernd wirkt. Der Stressabbau einerseits und die Stärkung der zwischenmenschlichen Bindungen andererseits begünstigten insgesamt ein Klima gegenseitiger Toleranz. Weiter nennt Martina Schuster als positive Wirkungen des gemeinsamen Singens eine Reihe biologischer Reaktionen wie eine Produktion von Glückshormonen, eine Stärkung des Herz-Kreislauf-Systems und eine „neue, ganz differenzierte Art und Weise“, wie sich die Synapsen des Gehirns durch das Singen vernetzen und damit zu einer gesteigerten Kreativität führen. Diese dem Singen zugeschriebenen positiven Wirkungen decken sich größtenteils mit den Studienergebnissen von Stephen Clift und Grenville Hancox. Auch dort war von den SängerInnen eine stressabbauende Wirkung beschrieben worden, die zu einer Verbesserung der allgemeinen Stimmungslage und zum Gefühl eines engeren Miteinanders führte. Die von Frau Schuster und den Studienteilnehmern von S. Clift und G. Hancox beschriebenen biologischen Reaktionen werden durch den Hirnforscher und Musikmediziner Eckart Altenmüller bestätigt:

„Das Chorsingen führt durch die Aktivierung der Atmung, die Kontrolle der Atemmuskulatur und nicht zuletzt durch das Gemeinschaftserlebnis zur Ausschüttung einer ganzen Reihe von positiven Emotionshormonen. Zum Beispiel werden Oxytocin, das sogenannte Kuschelhormon, sowie die klassischen Glückshormone, die Endorphine, ausgeschüttet. Außerdem wird beim Singen Immunglobolin gebildet – das heißt: Singen stärkt die Abwehrkräfte.“1

Ein Argument, was Martina Schuster zu einem späteren Zeitpunkt des Interviews ins Felde führte bei der Frage, warum sich Singen eventuell besser als Teammaßnahme eignet als beispielsweise Sport oder Klettern, zielt ebenfalls auf die positiven Wirkungen des Singens und soll damit schon an dieser Stelle der Interviewergebnisse dargestellt werden.

 

Da die eigene Stimme dem Menschen sehr nah ist, hängt für Frau Schuster eine Arbeit an der eigenen Stimme untrennbar mit einer Arbeit an der eigenen Person bzw. Persönlichkeit zusammen. Gefühle und Emotionen bildeten sich zu allererst auf dem Zwerchfell ab und würden durch den Atem im weiteren Verlauf sicht- bzw. hörbar. Die Stimme und den Atem – auch gesanglich – zu trainieren, helfe diese Gefühle und Emotionen besser zu kontrollieren und letztlich die Person in ihrer Selbstwahrnehmung und ihrem Selbstwert zu stärken. Dies findet Martina Schuster aus zweierlei Gründen sehr wichtig: Zum einen soll ein gestärkter Selbstwert dazu führen, dass Arbeitnehmer aus ihrer Fremdbestimmtheit heraustreten und auch in Belastungssituationen bei sich und ihren Bedürfnissen bleiben können. Zum anderen seien Menschen mit gestärktem Selbstwert insgesamt stressresistenter, da sie sich bei Konfrontation mit Stresssituationen nicht so schnell überfordert sehen. Beides trage langfristig zu einer ausgeglichenen psychosozialen Balance bei und liefere damit einen wichtigen Beitrag zur Gesundheit der Arbeitnehmer. Obgleich Frau Schuster keinen Zweifel daran lässt, dass es mehrere Möglichkeiten gibt, diese Stärkung des Selbstwertes innerhalb einer Teammaßnahme zu steigern, sieht sie doch das Singen als prädestiniertes Mittel an, da man den Menschen bzw. ihrer Persönlichkeit durch die Intimität und Einzigartigkeit der eigenen Stimme näher komme als beispielsweise mit einer sportlichen Aktivität.


Wie wirken sich diese Erfahrungen aus dem Singen auf den Arbeitsalltag aus?

Frau Schuster betont, dass es zur Beantwortung dieser Frage einer Langzeitstudie bedürfe, die aktuell leider noch nicht vorhanden ist. Man müsse die Probanden über einen längeren Zeitraum in ihrem Arbeitsalltag begleiten. Durch Rückmeldungen der Teilnehmer ließe sich aber resümieren, dass Sympathie und Kontakt gerade unter Kollegen entsteht, die bisher im Arbeitsalltag noch nicht viel miteinander zu tun hatten. Das gemeinsame Singen helfe festgefahrene Strukturen im Team aufzuweichen und vorhandene Rollenbilder zu verändern. Darüber hinaus berichteten Teilnehmer, dass ihre Stimmung nach dem Singen gehoben war, sie sich trotz vorausgegangener Müdigkeit frisch und erholt fühlten und sie die Lieder auch in ihrem Alltag noch gesummt oder gesungen haben. Mehrfach haben die Teilnehmer einen veränderten Umgang mit ihrer Atmung festgestellt und bewusster darauf geachtet, wann sie stressbedingt in einen flachen Atem verfallen, um dem gezielt entgegen zu wirken. Hierzu werden in allen Singformaten der ConAquila GmbH gezielt Stimm-, Atem- und Körperübungen trainiert.


Welche Bedingungen müssen gegeben sein, damit die positiven Wirkungen des Singens erreicht werden können?

Als erstes nennt Frau Schuster die Räumlichkeiten, die ausreichend groß sein und so beschaffen sein müssen, dass in den Nachbarräumen niemand durch den Gesang gestört wird. Andernfalls rufe dies Hemmungen bei den Teilnehmern hervor. Als wichtige Voraussetzung erscheint ihr die Freiwilligkeit der Teilnahme, dass die SängerInnen Lust und Spaß am Singen haben. Dies ist natürlich nicht in allen Formaten gegeben. Bei einer Teambildung beispielsweise können die SängerInnen nicht freiwillig über ihre Teilnahme entscheiden. Dennoch habe Martina Schuster nie Schwierigkeiten gehabt, dass sich jemand verweigert hätte oder dem Angebot generell mit Ablehnung begegnet wäre. Als die wohl wichtigste aller Gegebenheiten sieht die Singleiterin einen urteilsfreien Rahmen an, welchen sie mit „persönlicher Unversehrtheit“ beschreibt. Sie meint damit, dass jeder einbringen kann, was er möchte und niemand über diesen individuellen Beitrag zu urteilen hat. Fehler gebe es generell keine, nur Variationen, es müssten ein leistungsfreier Rahmen und ein wertschätzender Umgang herrschen. Dies zu schaffen sei in der Hauptsache Aufgabe der Singleitung.


Welche Gegebenheiten können ein Erreichen der positiven Wirkungen verhindern?

Die Umkehrschlüsse der vorangegangenen Frage beantworten diese Frage bereits zu einem gewissen Teil. Ein wichtiger Punkt wurde von Frau Schuster dennoch ergänzt: Die positiven Wirkungen des gemeinsamen Singens ließen sich sehr schnell zerstören, wenn ein Singleiter zu sehr in die emotionale Tiefe gehe und damit unbewusste Schichten anfasse, die den Arbeitnehmer gefühlsmäßig belasten. Jeder trage im Beruf eine gewisse Maske, die Schutz biete und nicht ohne Grund vorhanden wäre. Diese durch Lieder oder Übungen herunterzureißen, die zu sehr unbewusste Emotionen ansprechen, wäre nicht Aufgabe der Singleitung und könnte zu einem verheerenden Ergebnis für den Einzelnen führen. Martina Schuster nimmt in diesem Punkt Bezug auf ihre eigene Ausbildung zur Singleiterin bei Wolfgang Bossinger. Dessen Lehre entspringt dem Bereich des heilsamen Singens  und richtet sich häufig an Menschen, die bereits Krankheitsbilder manifestiert haben, akut nicht mehr arbeitsfähig sind und in gewisser Hinsicht kapituliert haben. Liedgut und Methoden aus diesem Kontext in Unternehmen zu transportieren, wäre für die Zielgruppe völlig unpassend und könnte fatal ausgehen, wenn sich ein Arbeitnehmer vor seinen Kollegen oder seinem Chef mit unbewussten emotionalen Vorgängen konfrontiert sieht, die ihn demaskieren oder bloßstellen. Die Lieder des Business Singings sollten durchaus Gefühle ansprechen, buchstäblich ansingen, jedoch auf einer Ebene der Bewusstheit verbleiben und nicht in die Tiefe der unbewussten Emotion vordringen. Ebenso sei, anders als beim heilsamen Singen, große Vorsicht geboten beim Umgang mit körperlicher Nähe oder Augenkontakt. Während dies im heilsamen Singen aus therapeutischen Gründen explizit herbeigeführt wird, warnt Frau Schuster vor einer Übertragung auf den Business Kontext. Auch hier könnten sehr schnell Situationen entstehen, die eine zu große Nähe innerhalb hierarchisch geprägter Strukturen entstehen lassen und auf diese Art ein enormes Unbehagen unter den Beteiligten hervorrufen.


Haben Sie Hemmungen und Ängste erlebt im Umgang mit Menschen, die noch nicht so viel Singerfahrung hatten und im Rahmen einer Teambildung nicht freiwillig teilgenommen haben?

Martina Schuster hat dies noch nicht explizit erlebt. Um eine solche Situation von vorne herein zu verhindern, thematisiert sie Hemmungen und Ängste auf ihre Initiative bereits beim ersten Zusammentreffen und stellt heraus, dass es sich um einen leistungsfreien Rahmen handelt, in dem es nicht wichtig ist, einen bestimmten Ton treffen. Darüber hinaus erscheint ihr elementar, dass kein Teilnehmer alleine vorsingen muss oder in sonstiger Art und Weise exponiert wird. Durch das gemeinsame Miteinander könnten eventuell vorhandene Hemmung stückweise abgebaut werden. Die Bedingung hierfür schaffe der Singleiter durch die Gewährleistung der bereits dargelegten Erfolgsfaktoren.


Welche Kenntnisse, Voraussetzung und Kompetenzen sollte ein Singleiter in diesem Bereich mitbringen – also Sie oder auch die Teilnehmer ihrer Ausbildung – um in den Workshop- Situationen und als Unternehmer erfolgreich zu sein?

Frau Schuster nennt als erste Voraussetzung den eigenen Spaß am Singen und eine Erfahrung in der Anleitung von Gruppen. Am elementarsten sei jedoch die Erfahrung im Unternehmenskontext. Die Singleiterin meint damit, dass der Workshop-Leiter die Sprache der Unternehmen, ihre Bedürfnisse, ihre Stressfaktoren, ihr systemisches Umfeld, ihre Organisation, ihre Branche kennen und verstehen muss, um die Arbeitnehmer dort abzuholen, wo sie stehen. Die Bewältigung dieser Herausforderung ist Bestandteil der Ausbildung zur Singleitung, jedoch sollte eine gewisse Grundkenntnis und Einsicht in diese Bereiche vorhanden sein. In der Workshop-Situation selbst sollte der/die Singleiter/in in der Lage sein, das angemessene Liedgut zu wählen. Das hieße: einfach aber nicht banal oder langweilig. Zu guter Letzt benötigten angehende SingleiterInnen in Unternehmen den nötigen Mut und den absoluten Willen, da sie auf diesem Gebiet „Pionierarbeit“ leisten. Dass anfängliche Hürden und Abweisung nicht ausbleiben werden, betont Frau Schuster aus eigener Erfahrung. Sie glaubt, dass es seitens der Unternehmen durchaus ein Bedürfnis nach betrieblicher Gesundheitsvorsorge durch Singen gibt, der Bedarf jedoch aufgrund der Neuartigkeit des Angebotes erst noch geschaffen werden muss. 

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